Die Kirchenfenster des Künstlers Nils Burwitz
Ein Protestant, der die zugemauerten Fenster einer katholischen Kirche einbaut, obendrein der ältesten Kirche Mallorcas – noch vor wenigen Jahrzehnten wäre dies undenkbar gewesen. 1992 jedoch wandte sich der Priester der Gemeinde Santa Eulalia in Palma höchstpersönlich an den deutschen Maler und Bildhauer Nils Burwitz. Der Geistliche hatte die Glasarbeit des Künstlers über dem Hauptportal von Palmas anglikanischer Kirche gesehen. Nun sollten auch die Fenster von Santa Eulalia durch buntes Glas ersetzt werden.
Inzwischen ist Burwitz einer der bekanntesten zeitgenössischen Bleiglaskünstler auf Mallorca. Ein Auftrag folgte dem anderen. Aus der Hand des Wahlmallorquiners stammt die „Fensterrose der Pilger“ in der Klosterkirche in Lluc, die aus mehr als 500 Teilen besteht. Auch die Rosette und Fenster der Kirche Sant Pere i Sant Pau in Algaida tragen die Handschrift von Burwitz. In Son Ferriol verewigte er die Heiligen Antonius und Ferriol in Glas. Weitere Bleiglasfenster von ihm zieren das Kloster von Cura auf dem Berg Randa, die Kartäuserkirche in Valldemosse und den Amtssitz der Balearenregierung, das Consolat del Mar in Palma. Im Jahr 2006 schließlich wurde in der Halle des Nobelhotels Son Vida in Palma eine Glaskuppel von Burwitz eingesetzt, die auf die „ars brevis“ des mallorquinischen Mystikers Ramon Llull (Raimundus Lullus) und die gemeinsame Grundlage der drei monotheistischen Religionen Bezug nimmt.
„Die Arbeit an Bleiglasfenstern im öffentlichen Raum bedeutet für mich, dem irren Beschleunigungsprozess der Gegenwartsschrumpfung von Zeit zu Zeit Einhalt zu gebieten“, erklärt Burwitz. Mit seinen Fenstern macht er aus Räumen Orte der Andacht und der Einkehr. Sein geheimnis: „Das Außergewöhnliche eines eingebauten Fensters liegt in den unzähligen Varianten des Farbenspiels, welches das himmlische Licht in einen Raum projiziert, das von der Netzhaut aufgefangen wird und dann in das Herz des Betrachters dringt.“
Besonders freut es den Künstler, die Rosette und zwei Fenster für die Kirche der Kartause in Valldemossa geschaffen zu haben. Sie sind ein Geschenk an den Ort, in dem er seit 1976 lebt. Drei Monate lang arbeitete er ohne Entgelt an den Glasbildern, auf denen der Heilige Bruno, Ordensgründer der Kartäuser, der Heiligen Catalina erscheint.
Die Bewohner von Valldemossa, dem kleinen malerischen Dorf im Tramuntana-Gebirge, sind stolz auf „ihre“ Santa Catalina Tomás, die einzige Heiliggesprochene der Balearen. Und Burwitz ist überzeugt: „Der gute geist der Heiligen wirkt bis in die gegenwart weiter.“ Zweimal musste der Künstler fliehen, 1945 aus dem heute polnischen Swinemünde vor der sowjetischen Armee nach Deutschland und 1976 als engagierte Apartheidsgegner aus Südafrika, wo ihm die verhafting drohte. Und wie einst die Heilige Catalina, so fühlten sich auch Burwitz und seine Familie in Valldemossa aufgenommen.
Für seine Kunst wurde Burwitz in vielen Ländern ausgezeichnet; mit Arbeiten ist er in Sammlungen wie des Kölner Museums Ludwig, den Kunsthallen in Dresden und Hamburg, dem Victoria & Albert Museum und dem British Museum in London sowie dem Nationalmuseum in Warschau vertreten. Trotz dieses Renommees dauerte es zwölf Jahre, bis der Künstler in der Kartause tätig werden durfte. Zwar war der Alabaster, der die Fensteröffnungen ausfüllte, längst von Zahn der Zeit zerfressen, aber die Denkmalschützer des Inselrats sperrten sich. Die Kartäuser-Mönche hätten striktes Farbverbot in ihren Räumen gehabt, argumentierten sie.
Das Schwarz-Weiß-Gebot galt nur für den Orden der Zisterzienser, hielt Burwitz dagegen. Er konnte nachweisen, dass im 16. Jahrhundert ein Abt aus Perpignan farbiges Glas für Valldemossa geordert hatte. Da die Scheiben jedoch nicht in die Fensternischen des Kirchenschiffes passten, wurden sie im Speisesaal, dem Refektorium, eingesetzt.
Rund 500 Jahre sollten noch vergehen, bis im Jahr 2004 in der Kirche tatsächlich Fenster eingesetzt wurden. Bei aller Gestaltung geht es Burwitz nicht um „zeitgenössische Akrobatik“. Wenn er durch Valldemossa läuft, umarmt ihn hin und wieder jemand. „Das ist das schönste“, sagt er, „dass man nicht nur in das Herz der Leute blicken, sondern auch ihre Seele bewegen kann.“






