Restauration von Kirchenschätzen: Ein Blick in die Werkstatt des Bistums Mallorca
Nichts entgeht ihren Blicken. Keine Kerbe, keine geplatzte Farbe, kein rostiger Nagel, kein Termitenbefall. Bevor Antonia Reig und ihre Mitarbeiterinnen in der Restaurationswerkstatt des Bistums Mallorca ans Werk gehen, inspizieren sie gründlich jedes Stück.
Ob die vier Evangelisten aus dem 16. Jahrhundert aus der Kirche in Sineu oder ein Sarkophag aus dem Diözesan-Museum in Palma – alle haben sie die gleiche Anfangsprozedur hinter sich gebracht. Zuerst werden die Kunstschätze auf Schäden geprüft, und dies aus einem ganz schnöden Grund. Jeder Kunde, auch die geistliche Klientel, will schließlich wissen, welche Arbeiten bei einer Restaurierung notwendig sind und was sie kosten. „Obwohl die Werkstatt kirchlich ist, funktioniert sie wie ein Privatbetrieb. Auch die Gemeinden müssen die Restaurierungen so weit wie möglich selbst finanzieren – ein Umstand, den sich die Kirchenbesucher vor Augen halten sollten, wenn sie unschlüssig vor der Spendendose stehen.
Zur Kundschaft der Werkstatt gehören öffentliche Institutionen und private Einrichtungen. Zu 90 Prozent stammen die Arbeiten jedoch aus den Kirchen der Insel. Bei vielen von ihnen hat sich über die Jahre durch Rauch, Wachs, Fett und Staub viel Dreck festgesetzt. Vor ihrer Reinigung werden die Kostbarkeiten zunächst im wahren Sinn des Wortes unter die Lupe genommen und mit dem bloßen Auge begutachtet. In einem nächsten Schritt werden sie mit ultraviolettem Licht bestrahlt. Da kommt es schon vor, dass auf dem Gesicht einer Figur, das eben noch wie aus einem Farbton schien, mit einem Mal Flecken auftauchen. Dabei handelt es sich um nachträglich aufgetragene Farbe, die nicht selten von Pfarrern stammen, die ein bisschen „ausgebessert“ haben.
Bei vielen Figuren wurde über die Jahrhunderte das eine oder andere verändert: manchmal war es ein neuer Anstrich, manchmal auch ein Körperteil, das ausgewechselt wurde. Bei UV-Licht kommt alles zum Vorschein: unterschiedliche Farbschichten, eingesetzte Holzteile, Spuren von Termiten und Holzwürmern, Knoten im Holz und aufgetragenes Blattgold.
Auch Röntgenstrahlen kommen bei den Figuren zum Einsatz. Da es auf Mallorca keine radiologische Institute für Restauratoren gibt, muss auch ein Christus aus dem 16. Jahrhundert ins Krankenhaus und im Wartezimmer verweilen, bis er an die Reihe kommt. Später werden die Aufnahmen ausgewertet. So weiß man zum Beispiel von der Jesus-Figur in der Kirche von Consell , dass er ursprünglich 14 Nägel im Körper hatte, plus weitere Nägel in nachträglich hinzugefügten Fingern.
Die Restauratorinnen des Bistums arbeiten eng mit Wissenschaftlern zusammen. Davon profitieren alle Beteiligten. So können die Wissenschaftler in der Werkstatt wertvolle Kirchenschätze in Augenschein nehmen. Umgekehrt liefern kunsthistorisch Studien oft Hinweise darauf, welche Pigmente ein Künstler verwendet hat – eine hilfreiche Erkenntnis, wenn es zum Beispiel darum geht, abgegangene Farbe neu aufzutragen.
Wie weit ein Werk wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt wird, hängt auch vom Auftraggeber ab. Dient ein Bild oder eine Figur noch als Kulisse für den Gottesdienst, legen die Restauratorinnen gründlicher Hand an als bei einem Museumsstück. Grundsätzlich gilt es, jedes Werk so gut wie möglich zu erhalten, dabei aber so wenig wie möglich von seinem gegenwärtigen Zustand zu verändern. Eine weitere Regel lautet: Jeder Prozess muss umkehrbar, jede hinzugefügte Farbe wieder entfernbar sein.
Vor allem aber muss jede Aus- und Nachbesserung erkennbar sein, sonst würde die Arbeit als Fälschung gelten. Fehlende Farbe wird deshalb nicht einfach wieder aufgestrichen, sondern in dichten Punkten, Strichen oder Rastern auf den Untergrund aufgebracht: Diese Ausbesserungen kann man später nur noch aus nächster Nähe erkennen.






